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Pflegenotstand: Abwärtsspirale durch die Politik

12.02.2022

Pflegekräftemangel in Krankenhäusern


Der Personalmangel an deutschen Krankenhäusern wird nicht nur von Pflegenden und Patienten als belastend empfunden. Auch die Personalbeschaffung hat immer größere Probleme, die Lücken beim Pflegepersonal zu schließen. Die Pandemie hat den Pflegenotstand dabei nur verschärft und in das Bewusstein der Öffentlichkeit gebracht. Dass es einmal zu einer solchen Zuspitzung kommen würde, zeichnet sich jedoch seit vielen Jahren ab.

Schon im Jahr 2006 gab es Berichte, dass laut statistischem Bundesamt 4.000 Arbeitsplätze im Pflegebereich abgebaut wurden. Gleichzeitig stiegen die Fallzahlen in den Krankenhäusern. Im Jahr 2007 verloren dann noch einmal 15.000 nichtärztliche MitarbeiterInnen ihre Arbeit. Die damalige Bundesregierung hatte damals die maximale jährliche Preiserhöhung für Krankenhäuser auf ganze 0,14% festgelegt, was deutlich unter der Inflationsrate von 3% lag. Sie waren also gezwungen zu rationalisieren, was hauptsächlich im Bereich der Personalkosten möglich war.

Auswirkungen auf die Patientenversorgung 

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (dip) publiziert jährlich sein Pflege-Thermometer, das auf Umfragen beim Pflegepersonal beruht. Laut Bericht von 2009 wurden in den Jahren 1996 bis 2008 rund 50.000 Vollzeitstellen abgebaut, was einem Minus von 14,2 Prozent oder einem Verlust von jeder siebten Stelle entsprach. Gleichzeitig nahm die Zahl der behandelten Patienten zu, seit 1995 um 12,1%, von 15,6 Millionen im Jahr 1995 auf 17,5 Millionen im Jahr 2008. Trotz Verkürzung der Verweildauer (nach Einführung des Fallpauschalensystems DRG im Jahr 2003) erhöhte sich die Zahl der Patienten pro Pflegekraft von 59 auf 61,5 Fälle. Tarifliche Lohnerhöhungen wurden weiterhin durch Stellenabbau kompensiert. Unter diesen Bedingungen wurde es zunehmend schwieriger, die Pflege so zu gestalten, wie es dem beruflichen Selbstverständnis der Pflegekräfte entsprach.

Vergleichsfaktor: Anzahl Patienten pro Pflegekraft

Die Zahl der Krankenhäuser nahm in den vergangenen Jahren ebenfalls ab. So existierten laut von Statista im Januar 2022 veröffentlichten Zahlen im Jahr 2019 1.914 Krankenhäuser, 170 weniger als noch 10 Jahre zuvor. Die Personalkosten machen 70% der Gesamtkosten einer Klinik aus.

Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern mussten 2018 durchschnittlich 13 Patienten betreuen. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung waren es in der Schweiz nur knapp acht Patienten, in den Niederlanden nur 6,9 und in den USA lediglich 5,3.

Um diesem Überlastungsfaktor entgegenzuwirken, legte das Bundesministerium für Gesundheit einige Krankenhausbereiche als pflegesensitive Bereiche fest, für die dann ab Februar 2021 Pflegepersonaluntergrenzen galten. Mit Beginn der Corona-Pandemie wurde die Verordnung zeitweise wieder ausgesetzt, da insbesondere die Intensivstationen überlastet waren.

Seit einigen Jahren ist es aber nicht mehr nur der Stellenabbau, der für eine Ausdünnung des Pflegepersonals sorgt, sondern immer mehr Pflegekräfte verlassen den Beruf, weil sie in Rente gehen oder weil die psychische Belastung einfach zu groß ist. Das wirkt sich auf das verbliebene Personal aus und führt zu einer regelrechten Abwärtsspirale. Das Problem verschärft sich auch, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und der Anteil der pflegebedürftigen Menschen an der Gesamtbevölkerung wächst. Man spricht hier auch vom doppelten demografischen Wandel: immer weniger junge Pflegekräfte müssen sich um immer mehr alte PatientInnen kümmern. Im Jahr 2021 waren laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft 6% der Stellen auf Normalstationen und 12% (8.000) auf den Intensivstationen unbesetzt.

Schließung von Krankenhäusern ist keine Lösung

Auch um das Personalproblem zu beheben, wurde von der letzten Bundesregierung über eine weitere Reduzierung der Anzahl der Krankenhäuser nachgedacht. Die Überlegung, dass durch Schließungen Personal für andere Kliniken frei werden würde, greift jedoch nicht: Patienten können zwar an anderen Standorten untergebracht werden, das Verhältnis Pflegekraft/zu Pflegende würde sich aber nicht ändern. Dort, wo Schließungen drohen, kommt es bereits jetzt zu Protesten der Bevölkerung, die eine wohnortnahe Versorgung einfordert. Viele Pflegekräfte würden es als unzumutbar empfinden, weite Anfahrtswege in Kauf zu nehmen -  die Anzahl der BerufsaussteigerInnen könnte auch deshalb noch weiter steigen.

Schon heute lässt sich beobachten, dass Schließungen einzelner Bereiche eines Krankenhauses eine komplette Schließung nach sich ziehen, da die Betriebskosten durch die Fallpauschalen nicht mehr gedeckt werden können. Meistens trifft es Krankenhäuser auf dem Land, da Konzentrationen in Ballungsräumen angedacht sind. Dies zeigt auch, dass das System der im Jahr 2003 eingeführten Fallpauschalen nicht funktioniert.

Durch die Schließung unrentabler Abteilungen werden auch die Wege zu einer Behandlung für Betroffene deutlich länger – was im Einzelfall dramatische Folgen haben kann.

Der Gesundheitssachverständigenrat der Bundesregierung fordert, dass die neue Bundesregierung Maßnahmen ergreifen muss, um in Großstädten die Zahl der Krankenhäuser auf das Notwendige zu reduzieren, in ländlichen Regionen aber eine Verschlechterung der Versorgung zu verhindern.

Fatales Signal: Arbeitzeitverlängerung in Niedersachsen

Um der personellen Unterversorgung entgegenzuwirken, wurden zum 1. November 2021 in Niedersachsen die Bestimmungen des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG) bis zum 31. Mai 2022 aufgehoben. Der Erlass sei keine Verpflichtung, sondern eine Erlaubnis, längere Arbeitszeiten zu fordern. Für Pflegende, die sich schon jetzt mit Ausstiegsgedanken tragen, kann auch diese Entscheidung dazu führen, dass sie den Beruf ganz verlassen.

Die Impfdebatte

Die nun seit Wochen stattfindende öffentliche Debatte rund um die Impfpflicht von Krankenhaus- und Pflegepersonal ist verstörend. Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Prognosen, welche Auswirkungen dies haben wird - im Worst Case den Berufsausstieg weiterer Pflegekräfte. 

Fazit: trotz ausreichender Kenntnis der Gesamtsituation gibt es bisher viele politische Signale und Entscheidungen, die Pflegekräfte aus dem Beruf treiben. Ein "Beifall klatschen" für die Leistungen dieser existenziell wichtigen Berufsgruppe ist dabei ebensowenig zielführend wie die immer wiederkehrende Verballhornung in Stellenanzeigen als „Helden“ oder ein Platz im Auditorium bei der Berlinale-Eröffnung, wie es dieser Tage zu beobachten war. Der Stellenwert, den die Pflege hat, dürfte spätestens nach den Erfahrungen in der Corona Pandemie jedem klar sein. Es ist die Frage, wieviel unserer Gesellschaft und damit jedem einzelnen von uns das zukünftig auch wert sein wird. Für das Recruiting bleibt es eine der größten Herausforderungen, zumal der finanzielle Spielraum vieler Krankenhäuser begrenzt ist.

Quellen:

https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte_DIP-Institut/Isfort_Weidner_Pflegethermometer_2009.pdf
https://de.statista.com/themen/268/krankenhaus/#dossierKeyfigures
https://de.statista.com/infografik/16676/patientenzahl-pro-pflegekraft-im-internationalen-vergleich/
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegepersonaluntergrenzen.html
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/personalmangel-bei-pflegekraeften-in-krankenhaeusern-verschaerft,Su5kSrb
https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/buendnis-klinikrettung-weitere-schliessung-von-krankenhaeusern-in-der-pandemie-undenkbar-100.html
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/sachverstaendigenrat-empfiehlt-klinik-reform-notwendig,Swq8xuz
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/117956/60-Wochenstunden-Niedersachsen-hebt-Pflegearbeitszeit-an
https://taz.de/Impfpflicht-fuer-Pflegepersonal/!5830809/
https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-eroeffnungsgala-der-72-berlinale-vor-lauter-appellen-geraet-das-kino-fast-aus-dem-blick/28058824.html

Bildquellen: von Sasin Tipchai  und donations welcome auf Pixabay