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Community Health Nursing

22.02.2020


 

Das deutsche Gesundheitssystem ächzt. Fachkräftemangel, eine immer älter werdende Gesellschaft mit sich intensivierender medizinisch-pflegerischer Betreuung, soziale Ungleichheit, Armut, Landflucht und die damit verbundenen Auswirkungen auf die ländliche Infrastruktur – die Gesundheitsversorgung, ambulant wie klinisch, steht vor einer nie gekannten Herausforderung, will man nicht pessimistisch gar vom Kollaps sprechen. Was folgt, sind Gesundheitsrisiken und Kosten von kaum abschätzbarer Tragweite für das Gemeinwohl. Seit Jahren wird beraten, was zu tun ist. Dabei gibt es in Ländern wie Kanada oder Finnland einen erfolgreich praktizierten Lösungsansatz: das Konzept des Community oder Public Health Nursing (CHN), auch als Advanced Nursing Practice (ANP) bekannt.

An der Bezeichnung lässt sich unschwer erkennen: Es geht um die ortsnahe Gemeindeversorgung durch speziell qualifizierte Pflegefachkräfte m/w/d in kommunalen Gesundheitszentren, die sich nicht nur als kurative, sondern v.a. auch präventiv tätige Einrichtungen verstehen und ganzheitlich arbeiten. Public health – die Gesundheit aller – hat zum Ziel, bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen, und zwar in jeder Lebenslage und Altersspanne, vor Ort und integriert, d.h. mittels multiprofessionell zusammengesetzter Teams aus Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern m/w/d und eben CHNs mit weitreichenden Funktionen und Kompetenzen. CHNs verstehen sich als Schnittstelle zwischen ambulanter Gesundheitsversorgung und kommunaler Sozialraumentwicklung, indem durch die lokale Verortung in Gemeinde, Stadtteil oder Quartier Bedarfslagen im Voraus eingeschätzt sowie Versorgungsstrukturen evidenzbasiert geplant, gesteuert und gestaltet werden können (im Rahmen des klinischen bzw. geriatrischen Assessments). Dabei kommt es nicht nur zur Erweiterung des Leistungsspektrums in der Primär- und Langzeitversorgung (z.B. durch „Empowerment“, also Präventionsarbeit), sondern auch zur Neu- bzw. Umverteilung ärztlicher (und sozialpädagogischer) Aufgaben, was zur Entlastung der Haus- und Kinderärzte m/w/d führt. Dies umfasst insbesondere die

  • Anamnese, Diagnosestellung und Beratung/Überweisung im Sinne einer partnerschaftlichen Verständigung über Art und Umfang der Therapie,
  • Versorgung von Bagatellerkrankungen und kleineren Verletzungen sowie Durchführung von Wiederholungs- und Kontrolluntersuchungen
  • Veranlassung von Screenings im Rahmen der Krebsvorsorge und andere Check-ups,
  • Anleitung und Unterstützung multimorbider und chronisch Erkrankter bei der Bewältigung komplexer Medikamentenregimes,
  • Koordinierung der Leistungserbringung durch weitere beteiligte Akteure sowie Case Management.


 

Das genaue Aufgabenspektrum und die daraus resultierenden Interventionsstrategien werden dabei vom jeweiligen Einsatzbereich anhand der gegebenen medizinisch-pflegerischen Bedarfslagen („krankheitsabhängig“) und Klientengruppen („bevölkerungsabhängig“) abgeleitet. Dies stellt nicht nur die pflegerische Kontinuität in den Kommunen sicher und erleichtert den Zugang zur Versorgung in ländlichen bzw. strukturschwachen Regionen und sozialen Brennpunkten, es stärkt auch die Selbstpflegefähigkeit und den Verbleib in der Häuslichkeit. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist aber eines vielleicht noch wichtiger: Das Konzept des CHN professionalisiert die Pflege, bietet Qualifizierungs- und Karrieremöglichkeiten und ist durch ein Mehr an Verantwortung, Autonomie und Bezügen mit einem erheblichen Imagezuwachs des Pflegeberufs verbunden.

Damit diese Transformation gelingen kann, ist zum Einen die Politik gefragt. Es gilt, Finanzierungskonzepte zu finden, die Daseinsvorsorge und kommunalen Einflussmöglichkeiten auf Versorgungsstrukturen zu stärken sowie die kommunale Primärversorgung durch die Einrichtung von Primärversorgungszentren, NurseLed-Clinics oder mobilen Versorgungsangeboten zu etablieren, auszubauen und zu vernetzen. Denn eine gut zugängliche, niederschwellige Primärversorgung kann die Pflegebedürftigkeit verhindern oder verzögern, was eine erhebliche (finanzielle) Entlastung für das öffentliche Gesundheits- und Pflegesystem zur Folge hat.

Zum Anderen braucht es entsprechende Qualifizierungsmöglichkeiten, die infolge der Kompetenzerweiterung im akademischen Umfeld angesiedelt sind. So bieten bisher die Universität Bremen und die Evangelische Hochschule Dresden einschlägige Masterstudiengänge im Bereich CHN an. Zur Schaffung einer breiteren Basis führt die Agnes-Karll-Gesellschaft in Kooperation mit dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe – DBfK Bundesverband e.V. und mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung seit 2017 das Projekt „Community Health Nursing“ durch. Ziel ist die Erstellung eines Aufgaben- und Leistungsprofils von CHNs für Deutschland (Phase 1), um daraus Qualifikationsanforderungen und in der Folge Curricula für einen entsprechenden Masterstudiengang (Master of Science) zu entwickeln (Phase 2). Den Zuschlag erhielten die Katholische Stiftungshochschule München, die Universität Witten/Herdecke und die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, die den Studienbetrieb zum Wintersemester 2020/21 aufnehmen. Die Studienschwerpunkte der drei Projektuniversitäten unterscheiden sich jeweils inhaltlich und werden hier gebündelt dargestellt. Zugangsvoraussetzungen sind eine abgeschlossene Pflegeausbildung mit entsprechender Berufserfahrung, ein fachbezogener Bacherlorabschluss sowie pflegerisch-medizinische und pharmakologische Grundkenntnisse.

 

Quelle Abbildung: https://www.ksh-muenchen.de/fileadmin/user_upload/chn_broschuere_kurz.pdf 

 

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